Echt macht stressfrei

Eva Rossmann behauptet ja, ich sei (auch) eine ›Emanze‹, wenngleich ich mich selbst eigentlich gar nicht so sehe. Ich bin für Augenhöhe und ich schaffe mit Leidenschaft (sinnvolle) Verbindungen. Zwischen allen. Egal ob Frauen oder Männer.

Trotzdem hat mich das Leben doch schon ein paar Mal mitten in viele Frauen hineingeschubst. Etwa als ich nach der Geburt meiner Tochter – als ›late Mummy‹ auf der Suche nach Gleichgesinnten – freien Webspace für ein ›mamas network‹ nützte, das im Nu hunderte Mitglieder fand und sich mir nix dir nix bis nach Deutschland und die Schweiz ausgedehnt hatte. Mit so vielen Gleichgesinnten hatte ich nicht im Mindesten gerechnet. Und was so nett mit einer Runde selbstständiger Mütter begann, ist mittlerweile längst das Business-Mamas-Netzwerk schlechthin geworden. Mir hat es viele Jahre lang intensive Zusammenarbeit mit Frauen beschert und damit auch ebensolche Gelegenheit, sie zu studieren. Den meisten ist eines gemeinsam: Das Streben nach Perfektion.

Das Schlimme daran ist, dass die Frauen gar nicht nach Perfektion streben, um perfekt zu sein. Also – im Sinne einer glänzenden Selbstdarstellung (wenngleich natürlich einige Ausnahmen die Regel durchaus bestätigen). Sehr viel öfter jedenfalls liegt es einfach daran, dass Frauen ihren Job lieben und Freude daran haben, ihn gut zu machen. Dummerweise lieben sie aber auch gleichzeitig ihre Kinder, ihre Männer, ihre Häuser und Gärten und die eine oder andere kocht auch noch gerne. Ich habe es damals gerne den Versuch genannt, all das unter einen viel zu kleinen Hut zu bringen. Denn wir Business-Mamas wissen: Der Tag hat nur einfach zu wenige Stunden für all das, was wir lieben und gerne machen (möchten). Denn schließlich gingen wir auch gerne regelmäßig zur Zumba-Stunde oder zum Yoga, da gibt es auch Bücher, die uns sehr interessieren (würden, bliebe noch Zeit) und mit Freuden würden wir es vorziehen, am Wochenende liebe Freunde glamourös zu bekochen, anstatt mit unseren Sprösslingen Englisch-Vokabeln und Physikformeln zu pauken. Und so sitze ich um 01:49 Uhr hier, um meinen Blog zu schreiben, statt mich – wie so oft schon fest vorgenommen – um Mitternacht in mein Bett zu kuscheln. Aber morgen, das lehrt die Erfahrung, ist ein neuer Tag und Zeit für Blogbeiträge wird es auch morgen erst weit nach Mitternacht geben. Oder eben kein Abendessen. Oder keine Deutsch-Grammatikübung, um das Schlimmste abzuwenden. Oder …

 

Nicht gut genug?

Oft entsteht auf dieser Basis das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Schließlich gibt es sie ja, die Frauen, die Marmelade einkochen und ihr Fitnessprogramm konsequent durchziehen. Um da nicht die Nerven zu verlieren, muss man schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, wofür dann eben in deren Leben kein Platz ist. Dass jedenfalls dieses unglaubliche Bemühen, alles gut (genug) zu machen dann oft wie das Streben nach Perfektion scheint und nicht selten in einer Form von Burn-out (Ausgebranntsein) endet, konnte ich erst kürzlich mit der Psychologin Dr. Barbara Kienast (übrigens auch einer Business-Mama) in einem spannenden Interview erörtern.

Wir wahren den Schein, auch weil wir fürchten, dass es uns sonst leicht als Schwäche oder gar als mangelnde Kompetenz ausgelegt wird, wenn wir es nicht tun. Ich erinnere mich an einen Bankbesuch im Laufe meiner jüngeren beruflichen Selbstständigkeit. Ich war in Eile und da ich auch nicht übermäßig eitel bin, zischte ich ungeschminkt und mit noch ein wenig Morgentau im Gesicht in die Filiale, wo man mich prompt fragte, ob ich krank bin. Oder ob es mir nicht gut geht. Damals bin ich sehr erschrocken, habe ich doch gleich deutlich gespürt, mit welch besorgtem Unterton mich der Herr Bankangestellte befragte. Zwischen den Zeilen stand „gehen die Geschäfte so schlecht, dass sie so schlecht aussehen?“ und „hat sie die ganze Nacht geheult und bleiben wir womöglich auf unserem Kredit sitzen?“. Jahrelang legte ich danach besonders sorgfältiges Make-up auf, bevor ich mich unter die Menschheit wagte …

Irgendwann, nach vielen Aufs und Abs habe ich mich gefunden. Erkannt, wer ich bin und (vor allem) wer nicht. Erkannt, was für mich wichtig ist und was nicht. Und wo ich Konzessionen machen will und wo nicht. Und ich habe viel von diesem Make-up abgewischt, weil ich es mit innerer Stärke ersetzen konnte. Heute muss ich darüber schmunzeln und auch wenn „Kleider nach wie vor Leute machen“, fürchte ich mich nicht mehr davor, ungeschminkt unter die Leute zu gehen (gottseidank!). Und auch nicht mehr davor, zuzugeben, dass ich müde, traurig, überlastet oder krank bin. Denn das Schönste daran, unverblümt echt zu sein und auch zu seinen Schwächen zu stehen, ist für mich, zu sehen, wie sich mein Gegenüber entspannt (gilt immer noch nicht für Banker!) und sich darüber freut, auch echt sein zu dürfen, ohne deshalb gleich in eine der (unteren) Schubladen gesteckt zu werden.

Anti-Perfektionismus macht menschlich – das wurde zu meiner neuen Parole. Und die kann ich nur wärmstens weiterempfehlen! Denn wer mit sich selbst zufrieden ist und sich selbst nicht schlecht(er) macht, bietet auch den Spöttern keine Angriffsfläche mehr. Und lässt dann einfach mal den Staubsauger im Kasten stehen, um lieber einen Blog zu schreiben, ein Buch zu lesen oder sich eine Runde Yoga zu gönnen.  Schließlich ist und bleibt der Hut einfach viiiiiel zu klein!

Trotz aller kaum zu bewältigender Fülle steht fest: Wir lieben (meist), was wir tun. Und das ist heutzutage schließlich schon ein beneidenswerter Zustand. Findet Ihr nicht?

Foto: olly, Fotolia.com

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