Traiskirchen 2.0

Ja, wir waren wieder da. Am Dienstag. Wir haben Eure Spenden, soweit sinnvoll, ausgeteilt und Lebensmittel und Obst. Nicht zuletzt wegen des AI-Berichtes überstürzen sich in den letzten Tagen die Nachrichten und Posts auf Facebook. Deshalb möchte ich noch einmal von unseren Erlebnissen und meinem Fazit erzählen.

 

Wir fahren auf Anraten von Adopt a wish in die Akademiestraße, weil es beim Eingang zum Lager viel zu hektisch ist. Selbst hier ist es noch hektisch genug und längst hat es sich herumgesprochen, dass Helfer hier immer wieder landen. Es ist hilfreich, wenn man zu zweit ist, denn natürlich stürzen sich alle auf neuankommende Spender. Man darf nicht vergessen, dass diese Hilfesuchenden schlimme Erfahrungen hinter sich haben. Erst kürzlich wurden dieses Video und diese Fotos veröffentlicht, was ein wenig Eindruck über die prekäre Situation in der Heimat und die Flucht dieser Menschen verschafft. Wer von uns, in unserer wunderbaren Komfortzone, könnte es sich wohl so schlimm ausmalen … oder sich gar vorstellen, selbst unter solchen Umständen zu LEBEN?

KENNENLERNEN & KOMMUNIZIEREN

Ist das Auto mal leer, kehrt wieder Ruhe ein. Diesmal haben wir uns mehr Zeit genommen und sind noch geblieben. Einige sprechen Englisch und so konnten wir uns ein wenig unterhalten. Nun können wir auch in aller Ruhe nach individuellen Bedürfnissen fragen: Zigaretten, Fruchtsäfte und Obst sind natürlich sehr begehrt. Auch alle Hilfsmittel, um Deutsch zu lernen (Papier, Stifte, Wörterbücher, …).

 

DIE ANDERE SEITE

Ich habe aus den üppigen Spenden alle warmen und winterlichen Sachen vorerst herausortiert. Man darf nicht vergessen, dass die viele der Menschen dort kein Dach über dem Kopf haben, somit auch keine Möglichkeiten, persönliche Habseligkeiten unterzubringen und vor anderen (man erzählte uns auch von der Lager-Mafia) zu schützen. Entsprechend sinnlos ist es, jetzt Spenden zu bringen, die nicht unmittelbar gebraucht/verwendet werden können.

Diese zurzeit „unbrauchbaren“ Dinge liegen dann rund ums Lager in den Grünstreifen herum und erregen natürlich Ärgernis bei der Traiskirchner Bevölkerung und Frust bei den Spendern. Doch wenn man Fotos von Winterstiefeln und Schwarzbrot sieht, kann man das vielleicht besser verstehen.

Soweit es mir möglich ist, hier ein paar Tipps dazu:

  • wir wurden in den vergangenen heißen Tagen nach Flip-Flops, Sandalen, Shorts für Männer gefragt (ich gebe zu bedenken, dass dieser Bedarf mit dem Wetter sehr schnell wechseln wird – die meisten der Flüchtlinge haben keine Ahnung, dass wir hier bald weitaus kühlere Temperaturen erwarten!). Der Omni.Bus der Caritas rät von Kleiderspenden ab – deren Lager sind prall gefüllt! Auch hier gilt: Die Menschen haben keine Möglichkeiten, persönlichen Besitz zu verwahren, keinen Kleiderschrank und oft nicht mal Taschen, Rucksäcke oder Koffer (die übrigens aus diesem Grund auch sehr gefragt sind!)!
  • Baby-Bekleidung (wobei ich hier rate, erst entsprechende Kontakte zu knüpfen und die Infos der Hilfsorganisationen zu nützen, da es sonst nicht so einfach ist, Mütter mit Babys zu finden. Traditionell halten sich die Frauen dieser Kulturen im Hintergrund), hier ist zu bedenken, dass jetzt täglich Menschen aus Traiskirchen verlegt werden – wir hatten eine Babybadewanne mitgebracht, doch ich bin mir nicht sicher, ob so große Spenden bei einem Weitertransport  überhaupt mitgenommen werden können …
  • Hygieneartikel sind immer willkommen: Duschbad, Zahnpasta/-bürsten, Haarshampoo, Windeln und Binden – Rasierschaum ist angesichts der Möglichkeiten eher schwierig. Tampons werden in dieser Kultur nicht verwendet!
  • Lebensmittel zählen zu den häufigsten Wünschen in unseren Gesprächen. Auch hier macht es Sinn, die kulturellen Unterschiede zu kennen! Obst ist sehr beliebt und wird sinnvollerweise portioniert mitgebracht (damit nicht einer mit einer ganzen Melone abzischt!), Weintrauben und Marillen wurden uns förmlich aus der Hand gerissen (wobei sich die Menschen trotz ihrer Gier auch immer sehr herzlich bedanken). Auf Fotos habe ich weggeworfene Schwarzbrot-Sackerln gesehen – es ist einfach zu beachten, dass die Menschen aus diesen Kulturen Hefeprodukte schlecht vertragen und Durchfall & Co die Folgen sind. Sie haben große Angst vor Krankheiten, weil sie fürchten, dass sie dann nicht weitergelassen werden.
    Es empfiehlt sich Weiß-/Fladenbrot zu bringen! Auch Fruchtsäfte sind sehr beliebt!

Insgesamt macht es auf jeden Fall Sinn, sich bei aller Hilfsbereitschaft vorher über die Kultur und den Bedarf zu informieren!

 

MEIN FAZIT

Auch wenn ich mich selber von einer gewissen Loyalität unter den Flüchtlingen überzeugen konnte, werde ich künftig Spenden nicht mehr selbst verteilen, sondern im Omni-Bus der Caritas abgeben und mich dort auch als freiwillige Helferin zur Verteilung melden. Ich persönlich halte es auch für die Menschen in Traiskirchen für besser, wenn sie sich einer Anlaufstelle sicher sein können und diese vor Ort eine sinnvolle Organisation bieten kann, weil sie mit den Bedürfnissen unmittelbar konfrontiert ist. Hilfesuchende können hier konkret nach Dingen fragen, die sie aktuell brauchen.

Nicht zuletzt, weil ich natürlich auch die andere Seite sehen kann: Menschen, die in Traiskirchen leben und sich ärgern, weil nicht benötigte Sachen einfach fortgeworfen werden und die Stadt verschmutzt wird. Bei aller Not finde ich das natürlich auch nicht in Ordnung.

Trotzdem werde ich, mit Fruchtsäften und Obst immer wieder auch in die Akademiestraße gehen, wenn ich dort bin. Verteilen und mit den Leuten persönlich sprechen. Ein paar Worte wechseln, ein Lächeln hier, ein Streicheln dort – die Menschen sind sehr zutraulich, wenn sie merken, dass man ihnen wohlgesonnen ist und sind froh, über eine Handlung von Herz zu Herz. Trotz der Umstände haben sie ihren Mut und ihre Hoffnung nicht verloren …

Ansonsten kann ich mich nur dem offenen Wort des Traiskirchner Bürgermeisters Andreas Babler im Standard-Interview anschließen!

P.S.: Das Foto entstand bei unserem Gespräch mit den Hilfesuchenden – zum Schutz der Identität der Kriegsflüchtlinge haben wir nur ihr Lächeln sichtbar gelassen …

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