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ON MY WAY

Wehret den Anfängen

Reden ist Silber, schweigen ist Gold – so mahnt ein altes Sprichwort. Und wenn ich schon auch erkannt habe, dass es manchmal besser ist, einfach den Mund zu halten, frage ich mich grade in diesen Tagen, ob diese Volks“Weisheit“ uns vielleicht schon immer in schweigenden Gehorsam drängen wollte …

Schweigender Gehorsam ist nämlich scheinbar grade ziemlich angesagt und der verlängerte Arm dieses Sprichworts¹ ist wohl das Social Credit-System, das offenbar schön langsam (oder auch gar nicht mehr soo langsam) und unauffällig in Europa eingeschlichen wird.

Über die ID Austria habe ich ja kürzlich schon geschrieben, doch im Sauseschritt geht es jetzt weiter in diese Richtung. In Bologna wird im September ein „Smart Wallet System“ eingeführt, das „brave“ Bürger, die Müll trennen, Energie sparen und Öffis nutzen, mit besonderen Vorteilen belohnt (Quelle), in Bayern ist der „Ökotoken“ schon seit 2019 (!) in der Klimaschutzoffensive verankert (Quelle), zur „Förderung von nachhaltigem Verhalten im Alltag mittels Belohnung von umweltbewusstem Handeln“. Als Partner für diese „Belohnungen“ werden hier übrigens neben so Harmlosigkeiten wie Veranstaltungen und Schwimmbäder auch Biomärkte und die Landesbank explizit erwähnt! Da kann einem schon mal Unangenehmes schwanen …

Wer jetzt denkt, dass Bologna und München ja weit weg sind, muss enttäuscht werden, denn auch hierzulande sind die ersten Schritte in Richtung Social Credits und damit natürlich auch in Richtung Überwachung bereits getan.

Brav sein und Veranstaltungen gratis besuchen

Auch Wien gibt Gas und wer glaubt, dass das Wien grade eben eingefallen ist: Auch der „Wien Token“ wurde bereits in einem Regierungsabkommen in 2020 (!) festgeschrieben (Quelle)! Er wird als „ein digitales Pilot- und Forschungsprojekt zur spielerischen Belohnung von klimafreundlichem Verhalten“ bezeichnet. Auch hier gilt: Mittels Monitoring (!) einer Kultur-Token-App wird überwacht, wer sich mustergültig verhält. Zur Belohnung darf dieser dann kostenfrei Veranstaltungen besuchen.

Nun könnte man – als schweigende Mehrheit – gelangweilt die Achseln zucken und sagen, dass man auf kostenlosen Kultureintritt eh verzichtet und keine App verwendet. Doch schon der römische Dichter Ovid mahnte: „Wehret den Anfängen“. Auch wenn wir nicht den Teufel an die Wand malen oder gar in Panik verfallen sollten, ist es doch grade jetzt SEHR wichtig, hinzuschauen und kritisch zu hinterfragen. Denn die vergangenen beiden Jahren haben recht deutlich gemacht, wie schnell über unseren Kopf hinweg Dinge beschlossen werden, die erst harmlos wirken und sich dann ziemlich unbemerkt rasant ausweiten. Heute ist es ein Pilotversuch für Kultur, morgen ist es unser Führerschein, der Eintritt in den Supermarkt oder das Einchecken im Krankenhaus. Und dann ist es vielleicht zu spät …

By the way: „Brav“ bin ich schon lange (ganz ohne Belohnung übrigens). Denn für mich und meine Familie ist Mülltrennung seit Jahrzehnten genauso normal, wie für ganz viele andere Menschen hierzulande. In meiner Kindheit habe ich bereits eine „Energiekrise“ erlebt und so brennen bei uns keine unnötigen Lichter und wir gehen sorgsam mit unserem Energieverbrauch um. Und dass ich – auch wie ganz viele – im Dorf am Land lebe, wo zweimal am Tag ein öffentlicher Bus fährt, wird mich jetzt nicht dazu bewegen können, für ein Gratis-Ticket zu einer mit unserem Steuergeld geförderten Veranstaltung mein Auto auf den Müll zu schmeißen. Sehr viel mehr würde ich es schätzen, wenn die zahlreichen umweltfreundlichen Sprit-Alternativen nicht unterdrückt, sondern unterstützt würden … zu unser aller Wohl!

P.S.: Interessant finde ich übrigens auch, dass all diese Neuerungen englische Bezeichnungen bekommen. Soll das womöglich dazu beitragen, dass eine große Zahl an Bürger/-innen davon nicht alarmiert werden? Schließlich klingt doch „Lockdown“ irgendwie viel cooler (und harmloser) als „einsperren“ und „Social Credit“ viel mehr nach harmlosen Monopolygeld als „Bürger überwachen und bestrafen oder belohnen“…


¹ Sprichwort aus dem arabischen Raum

Foto: AdobeStock/olly

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